Cornelia Jentzsch
geb. 1958 in Torgau, freiberufliche Literaturkritikerin, Essayistin und Moderatorin.
Journalistikstudium, Galerieassistenz, Rechercheurin für DEFA-Dokumentarfilme, Druckhaus Galrev, literaturWERKstatt berlin, Matthes & Seitz Berlin, Urania Berlin e.V. Veröffentlichungen in Rundfunk, Printmedien, Anthologien und Monografien.
Moderationen : literaturWERKstatt/ Haus für Poesie, Literarisches Colloquium Berlin, Literaturforum im Brechthaus, Literaturhaus Berlin, Lettretage Berlin, Akademie der Künste, Universität der Künste, DAAD Berlin, Heimathafen Neukölln, Urania Berlin, Peter-Huchel-Haus Wilhelmshorst, Österreichisches Kulturforum, Albertinum Dresden, Künstlerhaus Lukas Ahrenshoop, Via Nova Kunstfest Corvey, Lyrikertreffen Münster, Literaturhaus Hannover, Literaturhaus Hamburg, Literaturzentrum Göttingen, Lyrikkabinett München, Literaturhaus Basel, Literaturhaus Salzburg u.a.
Jurymitarbeit : Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie / Ludwig-Hölty-Preis für Lyrik / Peter-Huchel-Preis des SWR / Georg-Trakl-Preis für Lyrik / Literaturwettbewerb der GWK Münster und der Lottostiftung / Ehm-Welk-Literaturpreis
Warnitzer Lesungen : Seit 2014 Konzeption, Organisation und Moderation monatlicher Lesungen mit Autoren, Übersetzern, Verlegern u.a. in der Uckermark. Ein Interview dazu siehe The Berliner. (Übersetzung siehe unten)
Lebt in der Uckermark und in Berlin.


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(In: The Berliner / Juli-August 2025, S. 84-86)
GRAMMATIK AUF DEM LANDE
Cornelia Jentzsch über ihre Brandenburger Kneipenlesereihe
(Ein Interview von Alexander Wells)
Die Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch veranstaltet eine Lesereihe im Gasthof Deutsche Eiche, einer Brandenburger Kneipe, die in der Region Kultstatus erlangt hat.
In dem kleinen uckermärkischen Dorf Warnitz gibt es einen urigen Gasthof namens „Deutsche Eiche“, in dem Bouletten, selbst gebrautes Bier und die Spezialität des Hauses, Schnitzel mit Ei und Kartoffeln, serviert werden. Es mag überraschen, dass dieser Gasthof auch eine der interessantesten literarischen Veranstaltungsreihen in Berlin-Brandenburg beherbergt, die monatlich gut besuchte Lesungen mit lokalen Autoren und solchen, die die 80-minütige Zugfahrt vom Hauptbahnhof auf sich nehmen, anbietet. Vor zehn Jahren war die Uckermark noch nicht sehr bekannt und die Häuser waren billig. Seitdem hat sich viel getan
Organisiert und moderiert von der renommierten Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch – 1958 in Sachsen geboren und längst in der Berliner Literaturszene aktiv – sind die Warnitzer Lesungen in den letzten 10 Jahren zu einer Institution geworden. Auf dem Programm stehen Lyriker, Romanciers und Sachbuchautoren, aber auch Übersetzer, Lektoren und Verleger.
Es ist fast immer auf Deutsch – James Joyces Ulysses wird allerdings jedes Jahr am Bloomsday im Juni gefeiert. Wir haben uns mit Jentzsch, die zwischen Berlin und der Uckermark pendelt, auf einen Kaffee im Prenzlauer Berg getroffen.
Cornelia Jentzsch. Foto: Makar Artemev
Was hat Sie dazu inspiriert, diese Lesereihe zu starten? Gibt es in der Region viele Veranstaltungen?
Ja, und es werden immer mehr. Ich finde es toll, dass anspruchsvolle Kunst und Kultur in die Uckermark gebracht werden. In Berlin findet man ein unvorstellbares Angebot an Konzerten, Lesungen und Theateraufführungen. Es werden Gedanken ausgetauscht, kritische Themen angesprochen. Man bekommt wirklich gute Informationen und es regt zum Nachdenken an.
Auf dem Land war es dagegen schon immer etwas schwieriger, so etwas zu realisieren – vor allem mit bekannten Autoren. Es gibt zwar einige Festivals, aber die finden nur alle ein bis zwei Jahre statt, und meistens kommen vor allem die Berliner als Zuhörer, um etwas zu erleben. „Wir bringen Kultur aufs Land“, sagen die Veranstalter, aber eigentlich ist es mehr für die Berliner, und danach wird es wieder still.
Als ich mit den Warnitzer Lesungen begann, wollte ich in erster Linie spannende Autoren einladen. Zunächst gab es nur Lesungen, keine Diskussion, doch immer mehr Leute wollten anschliessend Gespräche – also gut, dachte ich mir. Zweitens wollte ich, dass sie regelmäßig stattfinden, am besten monatlich, damit die Reihe ein kontinuierliches Angebot für die Menschen in dieser ländlichen Gegend ist. Und genau so hat sie sich dann auch entwickelt.
Wie hat sie sich in diesen zehn Jahren verändert?
Die Lesungen habe ich an verschiedenen Orten organisiert, aber jetzt finden sie seit fünf oder sechs Jahren in der „Deutschen Eiche“ statt. Das ist ein alter Gasthof in Warnitz, der von Einheimischen betrieben wird – ein klassisches Dorfgasthaus mit Fußballtrophäen im Gastraum und einem wunderschönen Feldsteinsaal mit drei großen Eichensäulen im Inneren.
Wenn man eintritt, sieht man eine alte Ritterrüstung und verschiedene ausgestopfte Tiere an den Wänden, vom Wildschwein bis zum Dachs. Ich glaube, dass die Hemmschwelle für die Einheimischen gesunken ist, seit die Lesungen an diesem Ort stattfinden: mehr und mehr Publikum kommt. Und die Reihe hat sich inzwischen derart entwickelt, dass ich jetzt die besten Autoren zu den Lesungen einladen kann und sie reisen an und lesen.
Was glauben Sie, warum sie gerne kommen?
Die Autoren haben eine gewisse Neugierde auf die Uckermark. Und es hat sich herumgesprochen, dass unser Publikum absolut fantastisch ist. Es stellt viele Fragen, ist gut informiert. Es muss nicht unbedingt einen literarischen Hintergrund oder literarische Erfahrung mitbringen, aber es ist neugierig, liest gerne und ist offen für Inspiration.
Manchmal kommen die Zuhörer, selbst wenn sie die Autoren nicht kennen, aber sie vielleicht das Thema interessant finden. Ich bekomme eine großartige Unterstützung vom Landkreis, der Gemeinde und dem Ortsvorsteher. Besonders dankbar bin ich auch dem Amt für Kreisentwicklung, dem Brandenburgischen Literaturrat und dem Potsdamer Literaturbüro, die regelmäßig Honorare übernehmen.
In diesem Jahr hat uns der Landkreis sogar eine professionelle Tonanlage mit Beamer gefördert, so dass jetzt in dem großen von uns benutzten Saal alle gut hören und wir auch Filme und Musik abspielen können. Ein weiterer wichtiger Kooperationspartner ist der UNESCO-Club Joachimsthal. Und die „Deutsche Eiche“ stellt mir den Saal kostenlos zur Verfügung – weil dafür unsere Besucher in der Gaststätte essen und trinken. Das ist wichtig, denn immer mehr Gasthäuser müssen schließen.
Wie gehen Sie mit dem Verhältnis zwischen Berlin und der Uckermark um? Ich habe einige Diskussionen über die Gentrifizierung des ländlichen Raums gelesen – Kreative oder Fachleute ziehen aufs Land, um in einer Parallelwelt zu leben oder Projekte zu starten, die die Einheimischen überhaupt nicht einbeziehen…
Vor zehn Jahren war die Uckermark noch nicht sehr bekannt und Häuser gab es billig. Seitdem hat sich sehr viel verändert. Viele Berliner haben hier Häuser gekauft, auch weil ältere Uckermärker verstorben sind – und nun können die Einheimischen mit den Preisen kaum noch mithalten. Viele Orte, wie auch mein Heimatort, haben eine sehr gute Verkehrsanbindung an Berlin: die Autobahn ist nahe, es gibt regelmäßige Zugverbindungen.
Deshalb kaufen sich viele Leute ein Wochenendhaus, oder sofern sie freiberuflich oder im Homeoffice arbeiten, können sie hierher ziehen und von hier aus in die Stadt pendeln. Die Lebensqualität ist hier sehr hoch. Die Region ist wunderschön. Die Gegend besitzt einen sehr guten Landmarkt, einen Dorfarzt, schnelle Notdienste. Und es gibt viel Kultur in der Gegend.
Der Violonist Georg Kallweit von der Akademie für Alte Musik, der seit langem in der Uckermark lebt, hatte die Idee, in der Kirche des Dorfes Melzow Sommerkonzerte mit hervorragenden internationalen Musikern zu veranstalten. Dank der Spenden der Gäste konnte die Kirche inzwischen komplett renoviert werden.
Viele Leute haben dabei geholfen, Berliner und Einheimische, so dass es schon immer eine gute Zusammenarbeit gab. Und wenn die Einheimischen sehen, dass die Berliner nicht nur für ein Wochenende kommen, sondern sich in das Leben vor Ort integrieren, neugierig sind und mit den Menschen reden, dann wächst der gegenseitige Respekt.
Was hat Sie aus der Stadt in die Uckermark geführt? Sie waren ja sehr stark in das Berliner Literaturleben eingebunden…
In meiner Kindheit verbrachte ich sämtliche Ferien auf dem Bauernhof meiner Großmutter, wo ich vom Füttern der Tiere über die Mithilfe bei der Ernte bis zum Einwecken von Gurken und dem Schlachten von Schweinen alles mitgemacht habe. Ich hatte also schon immer eine Affinität zum Landleben. In der Uckermark fühle ich mich zuhause. Hier finde ich auch die Ruhe für meine Arbeit – in Berlin gibt es oft zu viele Ablenkungen und Verlockungen, die Großstadtenergie ist mir zu hektisch geworden.
In meiner jetzigen Situation fühle ich mich sehr privilegiert, da ich beides habe: Meine Kinder, Freunde und mein Partner leben in Berlin, so dass ich pendele und alles, was ich beruflich zu tun habe, in Berlin erledigen kann. Ich werde die Stadt nie ganz verlassen. Aber tatsächlich lebe ich auf dem Land, und da möchte ich auch bleiben.
Manche Leute sagen, dass sie in einem solchen Dorf nicht leben könnten, weil alles zu eng ist und die Leute dich ständig beobachten. Nun, es stimmt, sie beobachten dich. Aber es hat auch den Vorteil, sollte ich im Garten stürzen, sieht es mein Nachbar. Kurz nachdem ich eingezogen war und mit einer Erkältung im Bett lag, kam meine Nachbarin mit einer Suppe vorbei.
Was ich interessant finde, ist, dass man in einem Dorf Konflikte aushalten muss. In der Stadt kann man sich einfach abwenden – die Stadt ist groß genug. In einem Dorf hat man eine andere Art von sozialer Verantwortung. Natürlich sind die Rechtsextremen auf dem Lande stark vertreten, was Probleme mit sich bringt.
Aber man kann auch die wirtschaftlichen und politischen Strukturen, in denen solche Leute denken, viel besser verstehen. Zu den Warnitzer Lesungen hatte ich Maximilian Steinbeis eingeladen, aus seinem sehr wichtigen Buch „Die verwundbare Demokratie“ zu lesen. Der Saal war voll und es zeigte, wie groß der Bedarf an solchen Diskussionen ist.
Gab es jemals einen Moment, in dem Sie wirklich dachten: „Okay, dafür mache ich mir die ganze Mühe“?
Das Gefühl habe ich eigentlich nach jeder Lesung, denn nach jeder Lesung kommt jemand und sagt: „Du musst unbedingt weitermachen, bitte hör nicht auf!“ Und dann denke ich, gut, in Ordnung, ich mache weiter. Manchmal ist es wirklich viel organisatorische Arbeit, und bisher habe ich fast alles allein erledigt: Einladungen, Konzepte, Förderanträge, Rechnungen, Gestaltung und Druck der Plakate, Pflege der Website.
Auch die Lesungen moderiere ich selbst, was in der Regel zwei bis drei Tage Vorbereitung erfordert. Aber die Nachfrage ist wirklich da. Im Moment plane ich bereits für 2027: Das nächste Jahr ist schon ausgebucht, weil es so viele Ideen, so viele Anfragen, so viele tolle Bücher auf dem Markt gibt.
Eine Veranstaltung der Warnitzer Lesungen im April. Foto: Heinz-Peter Bolle-Bovie
Sie moderieren seit vielen Jahren Veranstaltungen. Was macht Ihrer Erfahrung nach einen guten Moderator aus?
Als ich begann, Veranstaltungen zu moderieren, damals noch in Berlin, habe ich mich wie verrückt vorbereitet. Ich wollte intelligente Fragen stellen und mich im Thema auskennen – und auch so rüberkommen. So waren meine ersten Auftritte, ich fand sie ziemlich steif. Ich wollte nichts vergessen und nichts Verkehrtes sagen. Ich habe mir Druck gemacht: Bei einem Publikum, das anspruchsvoll ist, darf man sich nicht blamieren.
Jetzt, in der Uckermark, ist mir das alles schon viel vertrauter. Ich bin eigentlich sehr entspannt, was die Moderation angeht. Im Laufe der Jahre habe ich begriffen, dass ein guter Moderator nicht alles wissen muss – er muss nur die richtigen Fragen stellen können. Er muss in der Lage sein, dem Autor interessante Antworten zu entlocken. Ich begriff, dass ich meiner Neugier vertrauen konnte. Was würde ich gern wissen? Was wollen die Leute hier wissen? Als Moderatorin habe ich gelernt, einfach aus Neugierde Fragen zu stellen, um Antworten aus den Leuten herauslocken.
Welche Art von Fragen?
Wissen Sie, würde ich einen Autor in Berlin fragen: ‚Warum schreiben Sie?‘ – wäre das um himmelswillen eine viel zu banale Frage, die ich so nicht stellen sollte. Aber in Warnitz stellte jemand aus dem Publikum einem bekannten Dichter genau diese Frage: ‚Warum schreiben Sie?‘ Ich dachte: ‚O je, mal sehen, was er antwortet‘. Und dann gab er eine sehr lange, sehr ernsthafte und nachdenkliche Antwort, weil er merkte, dass es eine wirkliche Frage war. Da wurde mir klar, dass man in Warnitz von den Autoren ganz andere Antworten bekommen kann.
Zum Schluss: In Ihrem Programm gibt es viel Lyrik, und als Kritikerin haben Sie viel über Dichter aus dem In- und Ausland geschrieben. Was motiviert Sie, sich weiterhin mit Lyrik zu beschäftigen, auch wenn diese Kunstform ein wenig an Popularität verloren hat?
Die Leute denken oft, dass Poesie etwas mit Romantik zu tun hat – Schönheit, Natur, Kontemplation und so weiter -, aber das ist es ganz und gar nicht. Selbst die Romantiker haben nie eine weltvergessene Poesie vertreten. Die romantische Poesie entstand vielmehr vor einem sehr ernsten Hintergrund.
Poesie wurde zu einer Art sprachlicher Selbstvergewisserung als Reaktion auf die einsetzende Industrialisierung und die Beschleunigung des Lebens, die mit dem Verschwinden von Spiritualität einherging. Als ich zur Lyrik kam, merkte ich, dass sie sich sehr konkret mit der Sprache auseinandersetzt, mehr noch als der Roman, denn die Lyrik lebt von einer absoluten Klarheit, einer absoluten Präzisierung der Sprache.
Poesie ist insofern immer kritische Auseinandersetzung mit der Sprache. Ich habe viele Jahre in Prenzlauer Berg gewohnt, schon zu DDR-Zeiten, mitten in der Kulturszene. Und die Prenzlauer-Berg-Dichter von damals, wie Bert Papenfuß, Stefan Döring, Andreas Koziol oder Jan Faktor, die sind sehr genau mit Sprache umgegangen und haben große Literatur geschrieben, von der seit dem Mauerfall viel verloren gegangen ist – tragisch, denn sie war hervorragend und nicht nur für die DDR relevant.
Damals wurde mir klar, wie viel Poesie mit einem genauen Blick auf die Gesellschaft zu tun hat und dass Sprache manipulativ eingesetzt werden kann. Poesie kann das Verstehen vertiefen, die Sichtweise auf die Welt verändern. Wenn man sie liest, gibt es keine Grenzen mehr.
Mehr Infos und Termine unter www.warnitzerlesungen.de
(Originaltext: https://www.the-berliner.com/books/country-grammar-cornelia-jentzsch-on-her-brandenburg-pub-reading-series/)